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Steinfurter klärt Todesumstände
Ende 2007 entschloss sich Mike Materna aus Steinfurt nach seinem Onkel August zu suchen. August Materna ist einer von Millionen Vermisstenschicksalen die der 2. Weltkrieg mit sich brachte. Seit Anfang 1945 verschollen, wartet die Familie rund sechs Jahrzehnte bis sie schließlich die Gewissheit über den Verbleib ihres Angehörigen hat. August Materna starb am 24. Februar 1945 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.
Der am 25. Januar 1917 in Bochum-Dahlhausen geborene August Materna ist einer von 16 Millionen Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes gemeldet wurden. Jeder vierte galt als verschollen: Soldaten, Flüchtlinge, Vertriebene. Suchen und Warten wurde zum Lebensinhalt, für manche bis zum heutigen Tag. Immer noch zählen rund 1,3 Millionen Personen als vermisst. Heute sind es die Kinder und Enkelkinder, die das Schicksal ihrer Angehörigen nicht loslässt. So auch im Fall August Materna.
Mit Anfang 20 wird August Materna, wie viele in seinem Alter, zum aktiven Wehrdienst eingezogen. Materna, der mit seiner Familie aus beruflichen Gründen zwischen dem ostpreußischen Bombitten und Bochum hin und her pendelt, kommt zur Luftwaffe. Seine Grundausbildung macht er bei einer Luftnachrichten-Flugmelde-Kompanie (7. Luftnachrichten-Flugmelde-Kompanie des Luftgau-Nachrichten-Regiment 1). Vermutlich bei einer anderen Einheit, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit immer noch in einer Luftnachrichten-Flugmelde-Kompanie, wird er die folgenden Kriegsjahre verbracht haben. Im Verlauf des Krieges heiratet er seine Freundin Gertrud und wird Vater zweier Söhne, von welchen einer auf der Flucht aus Ostpreußen stirbt.
Das letzte Aufgebot
Vermutlich im Januar 1945 dürfte der Stabsgefreite zum Korps-Maschinengewehr-Bataillon Oppa gekommen sein. Das vermutlich aus etwa 500 Mann bestehende Bataillon, das nach dem Oder-Nebenfluss der Oppa benannt wurde, war eine der vielen Einheiten, die zu Kriegsende hin mit Soldaten aus bereits vernichteten Einheiten aufgestellt wurden.
Schwer waren die Abwehrkämpfe an denen der Stabsgefreite Materna 1944/45 teilnehmen musste, es galt das industriestarke Gebiet um Mährisch-Ostrau (heute tsch. Ostrava) zu verteidigen. Blutgetränkt ist der Boden in dem Tausende von Soldaten, deutsche wie sowjetische, ihr Leben lassen mussten. Was es bedeutete, in sowjetische Gefangenschaft zu geraten, sahen die Soldaten immer wieder, wenn sie bereits verlorenes Gebiet zurückerobern konnten: Kameraden mit ausgestochenen Augen, durchgeschnittenen Kehlen und zu Hunderten in Massengräbern exekutiert. Um so größer war der Wille der Männer, die Heimat lebend zu erreichen. Die tschechischen Partisanen erschwerten die Situation erheblich und so zog der 28-jährige August Materna das schwere Los in sowjetische Gefangenschaft zu geraten. Wann genau lässt sich nicht mehr ermitteln. Vermutlich Ende Januar bis Mitte Februar 1945. Von alldem bekommen seine Kameraden und Vorgesetzten nichts mit, wahrscheinlich kommen sie ebenfalls in Gefangenschaft oder sind gefallen. Der Stabsgefreite Materna gilt als verschollen.
Seitdem blieb den Hinterbliebenen nichts als quälende Ungewissheit in den letzten Jahrzehnten. Ereilte ihn das gleiche Schicksal wie seinen jüngeren Bruder, der im Mai 1941 auf Kreta gefallen war oder war er vielleicht doch in Gefangenschaft geraten? Bis 1955, als die letzten Gefangenen aus sowjetischer Gefangenschaft entlassen wurden, hatte jeder noch die Hoffnung, den Sohn, Ehemann oder Vater wieder lebend zu sehen. Vielen blieb dieses Glück verwehrt und so blieb die Frage was mit ihm geschehen war. War er gefallen und wenn ja, wo?
Eine Suche nach 62 Jahren
Sechs Jahrzehnte später, Ende 2007, beginnt der Neffe Mike Materna die Suche nach dem Grab seines Onkels. „Da mich der Gedanke plagte, dass mein Onkel irgendwo vergessen begraben liegt,“ erklärt der 47 Jahre alte Steinfurter den Grund seiner Suche. „Durch Erzählungen bei Familienfeiern wurde ich als Kind erstmalig auf meinen vermissten Onkel aufmerksam,“ schildert er sein Interesse für die Suche für einen Mann den er nie hatte kennen lernen dürfen.
Fünf Jahre zuvor hatte der Sohn des Kriegsvermissten bereits die erlösende Nachricht vom DRK-Suchdienst aus München erhalten. August Materna starb am 24. Februar 1945 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft in der polnischen Ortschaft Kochanuwka, einem heutigen Stadtteil von Debica. Bei der Suche nach der Grabstätte seines Onkels stößt Mike Materna auf das Internetforum des Vereins zur Klärung von Schicksalen Vermisster und Gefallener e.V. (VKSVG). Die Mitglieder des VKSVG e.V. haben es sich zum Ziel gemacht, ehrenamtlich bei der Vermisstenforschung und bei Gefallenenbergungen mitzuhelfen. Im Forum geben die Vereinsmitglieder und Hobbyhistoriker den Suchenden Hinweise und Tipps an welche Stellen man sich wenden kann, um näheres über den Verbleib eines Vermissten zu erfahren. Über 10.000 Anfragen erreichten den Verein bisher und so konnten schon zahlreiche Schicksale geklärt oder zumindest der Todesort auf einen kleineren Kreis eingeschränkt werden. „Wer sich Mühe gibt, kann oft viel mehr erfahren als das, was die Suchdienste wissen. Der Trick liegt darin, alle möglichen Auskünfte auszuwerten und diese in Verbindung mit den Frontberichten abzugleichen, um so ein genaueres Gesamtbild zu haben,“ berichtet Ingo Wenzeck, Vorstandsmitglied des VKSVG.
So gelang es auch den Mitgliedern im Fall August Materna zu helfen. Knapp ein Jahr nach Beginn seiner Suche weiß der Steinfurter, dass sein Onkel kam am 8. Februar 1945 aus dem Frontlager 49 der 1. ukrainischen Front in das Sonderspital 5375 nach Kochanuwka, rund 100 km östlich von Krakau, gebracht wurde und dort am 24. Februar 1945 an den Folgen von Ruhr und Unterernährung durch Herzversagen starb.
"Eine Suche, die sich gelohnt hat"
Dort wurde August Materna in einem Massengrab, etwa ein Kilometer vom Lazarett entfernt, beerdigt. Bereits in den vergangenen Jahren erfolgte die Umbettung von 1218 Gebeinen eines Kriegsgefangenenfriedhofes unweit von Kochanuwka durch die Kriegsgräberfürsorge auf den Soldatenfriedhof Siemianowice (ehem. Laurahütte). Darunter waren auch, wie die Nachforschungen des Neffen ergeben haben, die Gebeine der Verstorbenen des Sonderspitals 5375 und somit auch die sterblichen Überreste von August Materna.
So schließt sich nach über 60 Jahren ein wichtiges Kapitel in der Familiengeschichte der Maternas. Mike Materna Resümee: „Ich habe mich in den letzten Monaten richtig in die Suche verbissen und muss jetzt sagen, dass es sich in allen Belangen gelohnt hat. Es hat mich zutiefst berührt, als ich meinen noch lebenden Onkel die Ergebnisse der Suche mitgeteilt habe. Man konnte ihm richtig ansehen wie sehr es ihn erleichtert hat, nun endlich nach so vielen Jahren der Ungewissheit, zu erfahren was mit seinem Bruder geschehen war


