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Besatzungskind sucht ihren Vater

2. Weltkrieg: Chantal Le Quentrec sucht ihren österreichischen Vater Anton Rauter. Wer kannte ihn?

Der Verein zur Klärung von Schicksalen Vermisster und Gefallener e.V. (VKSVG) sucht im Auftrag eines französischen Besatzungskindes nach deren Vater, der aus Österreich stammen soll.

Ein relativ unbekanntes Thema den 2. Weltkrieg betreffend dürfte das Schicksal der Besatzungs- und Kriegskinder sein. Jene Kinder nämlich, die im Laufe des Krieges gezeugt wurden und aus den unterschiedlichsten Gründen ihren Vater nie kennen lernen durften.
Ein solcher Grund war, dass der Vater als Besatzungssoldat nur eine gewisse Zeit an einem Standort stationiert war. So unbekannt dieses Thema auch für viele sein mag, gibt es immerhin Hunderttausende dieser Schicksale in ganz Europa. Schätzungsweise 200.000 Besatzungskinder mit deutschem Vater gibt es alleine in Frankreich, die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein. Eines haben diese „Kinder der Schande“ oftmals gemeinsam, nämlich eine sehr schwere Kindheit. Von der eigenen Verwandtschaft gehasst, wussten die Kinder nicht warum sie schlechter als ihre Geschwister behandelt wurden. Erst als sie etwas älter waren, begriffen sie warum dies so war. Es lag an ihrem Vater – er war ein Besatzer. Auch die Mütter hatten es kaum leichter. Nach Kriegsende wurden sie zusammen getrieben, ihnen wurde die Haare abgeschnitten, teilweise sogar der Kopf kahlrasiert. Man trieb sie nackt durch die Straßen, manche von ihnen kamen sogar ins Gefängnis. All das nur weil sie einen Deutschen liebten. Die Verwandtschaft, selbst die eigenen Mütter sprachen nicht über den Vater und wenn sie es doch taten, erfanden sie teilweise Geschichten um zu vermeiden, dass die Kinder ihren Vater ausfindig machen konnten.

 

Eine Suche nach der Identität

Die meisten suchen schon Jahrzehnte, andere, welche die Suche schon aufgegeben hatten, erfahren von den Erfolgen die auch nach so langer Zeit möglich sind und wagen nochmals den letzten Versuch: Den Vater zu finden, den sie nie kannten. Fürchten muss sich niemand der Deutschen Angehörigen, dass die „Kinder“ Unterhaltsansprüche stellen oder noch etwas vom Erbe ergattern wollen. Nein! Das, was sie suchen ist ihre Identität! Wer war dieser Mann? Wie sah er aus? Wie war sein Charakter? Ist er gefallen? Wie erging es ihm nach dem Krieg? Gibt es Halbgeschwister? Viele quälende Fragen auf die es keine Antworten gibt. Zumindest solange nicht, solange ihnen das Glück verwehrt ist zu wissen wer ihr Vater war. Nicht viel anders erging es deutschen und österreichischen Besatzungskindern, die einen französischen, amerikanischen, englischen oder russischen Besatzungssoldaten zum Vater haben.
Der VKSVG e.V. hat sich dieser Fälle angenommen. In mühevoller und zeitaufwändiger Arbeit suchen die Mitglieder in ihrer Freizeit ehrenamtlich u. a. nach den Vätern bzw. deren Verwandtschaft.

Die letzte Hoffnung

Wie läuft eine solche Suche ab? „Bei jeder Suche sollte zuerst die Deutsche Dienststelle in Berlin (Wehrmachtsauskunftsstelle – WASt) angeschrieben werden. Wenn die Deutsche Dienststelle nicht helfen kann, helfen wir“, so ein Sprecher des Vereins. Oftmals sind es die kleinsten Details, auch welche unsere Mitglieder die Suche aufbauen. Wo kam er her? Welchen Beruf übte er aus? Von wann bis wann war er wo stationiert? „Meist sind es die kleinsten und scheinbar unwichtigsten Informationen, die uns die entscheidenden Hinweise geben“, so der Sprecher weiter.

Eine Geschichte ohne "Happy End"

So wendete sich im Jahre 2006 auch eine Französin an den Verein. Chantal Le Quentrec sucht seit 2004 nach ihrem Vater, der im vierten Kriegsjahr des 2. Weltkrieges nach Frankreich kam und sich dort in ihre Mutter verliebte. Es ist eine Geschichte, wie man sie aus dem Kino kennt, doch im Gegensatz zu den Filmen ist diese Geschichte bisher ohne „Happy End“ geblieben.
Es ist das Kriegsjahr 1942, die Kleinstadt Brionne in der Normandie erhält Zuwachs an deutschen Truppen. Nichts besonderes in dieser Zeit. Ein ständiges kommen und gehen herrscht in den französischen Dörfern und Städten. Es sind die Züge mit deutschen Soldaten die von der Ostfront kommen, andere Züge fahren die frischen und neu ausgebildeten Truppen wieder zurück. So kommt auch der Österreicher Anton Rauter 1942 nach Brionne, einen kleinen Unterschied zu seinen Kameraden gibt es jedoch: Seine beiden Brüder sind zuvor gefallen und so wird der Luftwaffenfeldwebel aus den gefährlichen Kampfgebieten der Ostfront zurück beordert um seinen Eltern zu ersparen, dass auch noch ihr dritter Sohn sein Leben lassen muss. Wie lange er sich schon dort aufhält, ist nicht bekannt. In einem Privatquartier untergebracht lernt er bald die junge Haushaltshilfe Christiane Lamy kennen. Beide verlieben sich uns so beginnt wie in der Zeit überall in Frankreich eine Beziehung zwischen einem deutschen Soldaten und einer jungen Französin.
Zwei Jahre später, Anfang 1944, nachdem sich das Kriegsglück für die deutschen Truppen bereits gewendet hatte, wird Christiane Lamy schwanger. Als ihre Mutter davon erfährt, schickt sie ihre Tochter sofort nach Paris um dort das Kind zur Welt zur bringen. Zu groß ist die Angst vor der Schmach und vor der Résistance. Heimlich kann sich Christiane Lamy ein letztes Mal mit dem Vater ihres Kindes treffen, es sollte das letzte Mal in ihrem Leben sein. Laut Erzählungen soll Anton Rauter an seine Eltern geschrieben haben, dass er Vater werden würde und bat sie, sich um das Kind zu kümmern, falls ihm etwas passieren sollte.

Am 29. August 1944 wird schließlich die Tochter Chantal geboren. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die Wehrmachtsverbände in Frankreich auf dem Rückzug und Brionne war bereits von alliierten Truppen eingenommen. Ob sich Anton Rauter zu diesem Zeitpunkt noch an der Westfront befand oder ob er bereits die Wochen zuvor an einen anderen Einsatzort versetzt wurde ist unklar.
Nachforschungen nach dem Krieg blieben erfolglos. Was aus Anton Rauter wurde, weiß niemand. Möglich das er gefallen ist, aber es kann auch durchaus sein, dass er den Krieg überlebte und nach seiner Tochter gesucht hat. Aufgrund der Umstände, dass Brionne durch alliierte Luftwaffenverbände zerstört wurde und Christiane Lamy sich mit ihrem Kind in Paris aufhielt, könnte er davon ausgegangen sein, dass sie und ihre Tochter bei dem Bombenangriff den Tod gefunden haben.

Wer kennt Anton Rauter?

Letztendlich ist zwar einiges über den Vater bekannt, jedoch gestaltet sich die Suche nach ihm sehr schwer. Immerhin kann sich die Tochter zu den Glücklichen zählen, welche ein Foto von ihrem Vater besitzen.
„Dieses Glück ist nicht jedem gegönnt“, wissen die Mitglieder des VKSVG zu berichten. „Das Problem, warum sich die Identität noch nicht hat klären lassen liegt vor allem darin, dass sich für dieses Gebiet keine passende Einheit bestimmen lässt“, so das Recherche-Team einstimmig.

So besteht die Hoffnung der Mitglieder und vor allem der Tochter Chantal, die sich nichts mehr wünscht als die Identität ihres Vaters zu kennen darin, dass sich womöglich noch ein Zeitzeuge oder ein Angehöriger an Anton Rauter erinnert.
Anton Rauter oder auch ähnlich (Rauther, Rother, Rotter, Rautner, Ruter etc.) war Feldwebel der Luftwaffe, hatte mindestens 2 Brüder die vor Mitte 1942 im Krieg gefallen waren und mindestens eine Schwester. Von Beruf dürfte er Landwirt gewesen sein. Laut Erzählungen soll er aus Österreich stammen und im Winter als Schilehrer tätig gewesen sein. Auch soll er sehr oft von Innsbruck geschwärmt haben, weshalb das Rechercheteam des VKSVG davon ausgeht, dass er aus der Umgebung von Innsbruck kam oder dort im Winter als Schilehrer arbeitete. Möglich ist allerdings auch, dass er aus dem Süddeutschen Raum stammt.
Angehörige brauchen keine Angst haben, dass die Tochter von Anton Rauter noch Erbansprüche stellt.

„Ich will kein Geld, ich will nur wissen wer ich bin! Wissen wer mein Vater ist“,

betont die Tochter des Gesuchten, welche begonnen hat Deutsch zu lernen.
Personen welche den Gesuchten kannten oder womöglich Hinweise zu ihm geben können, werden gebeten sich beim VKSVG e.V. zu melden.

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