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Stalingradreise
Stalingradreise
Anfang Dezember 1942, der Krieg tobt mit aller Macht. Auch ca. 120 km westlich von Stalingrad. Mit zusammengewürfelten Einheiten versucht die deutsche Armeeführung die Front an den Flüssen Don und Tschir zu halten. Dies ist wichtig, damit von den nur unweit dahinter liegenden deutschen Flugplätzen der Nachschub in den Kessel von Stalingrad geflogen werden kann. Auch will man versuchen, doch noch eine Verbindung zu den Eingeschlossenen herzustellen. Dazu braucht man aber eine stabile Front im Rücken.
Auf dem HVP (Hauptverbandsplatz) in Tschernyschkowski herrscht Durcheinander. Verwundete werden angeliefert. Sie kommen aus einem Gebiet, das normalerweise als Hinterland eingestuft wird, aus dem Raum Aleschkin, ca. 20 km östlich dieses kleinen, nur aus eingeschossigen Bauernhäusern bestehenden Ortes. Doch was ist normal, wenn die Front nur aus Stützpunkten besteht, die Soldaten teilweise kampfunerfahren sind und es an allem fehlt. So konnte auch der größte Kampfeswille nicht verhindern, das eine Gruppe von ca. 40 russischen Panzern durchbricht und in diesem Etappenort ein Blutbad anrichtet.
Doch auch von den angelieferten Verwundeten sterben noch viele. Aus Rücksicht auf die Verwundeten hat man den Friedhof in ca. 300m Entfernung vom Lazarettgebäude angelegt. Schon viele liegen da, ca. 300 an der Zahl.
Das Ende dieses Kapitels unserer Geschichte kennen wir alle. Es ist 6.30 Uhr, auf den Tag genau 60 Jahre und 9 Monate später. Unerbittlich schellt der Wecker. Erst vor 3 Stunden haben wir Wolgograd erreicht, nach 13 Stunden Flug inkl. Zwischenstopps, mit Verspätung natürlich. Aber es nützt nichts, wir müssen aufstehen. Ein Kleinbus erwartet uns, der uns, ja genau, nach Tschernyschkowski bringen soll.
Wir, das ist eine Gruppe von 5 Mann im Alter von 23-45 Jahren, bunt zusammen gewürfelt. Ein Österreicher, ein Schweizer, ein Franke, ein Niedersachse und ein Baden Württemberger. Doch alle mit dem gleichen Ansinnen, dem gleichen Denken. Mit einigen bin ich schon seit Jahren unterwegs, immer auf der Suche nach unbekannten Grablagen, sogenannten Wald- und Wiesengräbern, bisher nur in Deutschland. 8 Jahre geht das schon. Das Ergebnis dieser Sisyphusarbeit sind bisher ca. 40 aufgefundene namenlos verscharrte Soldaten, die nirgendwo registriert waren.
Nun sind wir hier, auf eigene Kosten, denn die Spenden, die bisher aufgrund unserer Arbeit auf der Homepage eingegangen sind, decken gerade mal die Kosten für unser Übergepäck (das Suchgerät wiegt allein knapp 15 kg!) und den Kauf einiger notwendiger Ausrüstungsgegenstände. Wir wollen eine Woche lang den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge begleiten und bei seiner Arbeit, der Suche nach gefallenen deutschen Soldaten, tatkräftig unterstützen.
Total übermüdet sinken wir im Auto sofort wieder in den Schlaf und erwachen erst wieder, als die Fahrt unruhiger wird. Ungläubig schauen wir uns um. Wir alle haben noch die Bilder des erwachenden Wolgograd im Kopf. Und jetzt? Wir sehen kleine geduckte Katen, krumme Strommasten und eine total verschlammte Dorfstraße. Wir sind am Ziel und werden von Max und Hans, den hiesigen deutschen Mitarbeitern des Volksbundes begrüßt .Unser russischer Suchtruppführer und seine Gruppe, auch alles Angestellte des Volksbundes, treiben uns zur Eile an. Umziehen und schon geht es zum Lazarettfriedhof. Heute ist er leider schon zum Teil überbaut, Ställe, Küchen (die hier im allgemeinen in einem extra Gebäude sind) stehen auf ihm und so können viele nicht mehr geborgen werden. Doch in den Gärten genau vor den Wohnhäusern und auf den Wegen kommt in ca. 1m Tiefe Leiche um Leiche zutage. So geht es den ganzen Tag. Die Erkennungsmarken sind gebrochen, die Nummern stimmen mit einer Liste überein, die von der Wehrmacht angelegt, die Zeit überstanden hat und heute in den Händen des Volksbundes ist. Alles wichtige ist vermerkt, Name, Dienstgrad, Geburtsdatum, Sterbedatum, Art der Verwundung. In einigen Wochen werden all diese Namen im
Onlineverzeichnis des Volksbundes auftauchen. Am Abend sinken wir, nach einem kleinen Essen und dem obligatorischen Wodka todmüde in unsere Schlafsäcke.
2. Tag , 7.00 Uhr, es geht in die Steppe. Diese Weite, unglaublich. Kein Baum, nur Gras soweit das Auge reicht. Das wollten die Deutschen einmal erobern? Man fühlt sich allein, irgendwie verloren in dieser unendlichen Einöde. Das Pfeifen des hier ständig wehenden Windes, der hier kein Hinderniss findet, ist das einzige was man hört. Nach ca. 50 km halten wir hinter einem kleines Dorf. Hinter einer Brücke sollen, so die Aussagen von Einheimischen, ca. 10 Gräber sein. Nur wo?
Wir fangen an, den harten Lehmboden aufzugraben, ziehen Stichgräben, um anhand von Bodenveränderungen die Grablagen zu entdecken. Zwei Reiter erscheinen, die uns schweigsam beobachten. Es ist eine schwere Arbeit, das Graben in diesem Boden, ohne Spitzhacke ist anfänglich kaum was zu machen. Doch es klappt. Nach 3 Stunden stoßen wir auf Überreste von 2 Soldaten. Leider ohne Erkennungsmarke. Mehr finden wir nicht. Später fahren wir wieder zurück nach Tschernyschkowski. Es regnet wieder leicht und die vorher betonharte Dorfstrasse verwandelt sich innerhalb von Minuten erneut in eine Schlammwüste. Ohne unseren russischen Geländewagen, Typ UAZ, den wir uns mit Fahrer gemietet haben, wäre jetzt kein Durchkommen mehr.
Wir sollen eigenständig an einer Stelle suchen. Auch hier haben Einheimische etwas gemeldet. Die russische Bevölkerung schaut zuerst von weitem zu, doch es dauert nicht lange und dann sind sie neben uns.
Zuerst die russischen Frauen, Matkas, vom harten entbehrungsreichen Leben hier im Donsteppengebiet gezeichnet. Und sie reden auf uns ein. Alle sind sehr freundlich zu uns, zeigen sichtlich Verständnis für das was wir hier tun. Leider verstehen wir auch nicht ein Wort des hiesigen Dialektes. Doch dann schnappt uns eine von den Frauen, alle um die 70 Jahre, an der Hand und führt von unserer bisherigen Stelle rund 100 m weg, zu einer Bodenabsenkung. Hier, sagt sie, zeigt sie, sollen wir graben, hier hätte man einmal Erde holen wollen und wäre auf Knochen gestoßen.
Eine halbe Stunde später wird der Spaten von einem dumpf klingenden Widerstand gestoppt. Wir sind wieder auf sterbliche Überreste gestoßen, denn nur Knochen geben diesen Ton ab. Mit einer kleinen Gartenschaufel versuchen wir tiefer ins hier relativ lockere Erdreich vorzudringen. Jede Schaufel wird kontrolliert, Wir müssen aufpassen, denn die Erkennungsmarke darf nicht verloren gehen. Sie ist der Schlüssel zu den Namen der Toten, ohne sie wird er für immer ein Namenloser bleiben.
Der stärker werdende Regen stoppt uns und so setzen wir unsere Arbeit erst am nächsten Tag fort.
Nach knapp einer halben Stunde haben wir die sterblichen Überreste komplett freigelegt, Untersuchung der Knochen sagt uns, dass er um die 25 Jahre alt war. Etwas Geld in den Taschen, die Uhr noch am Handgelenk, „Bodem Kruppstahl“ steht auf dem Boden der Uhr.
Sorgsam wird jeder Knochen in dem Umbettungssack gelegt.
Wir suchen nun weiter. Und, im Abstand von ca. je einem Meter, legen wir noch 3 weitere Soldaten frei. Mittlerweile sind auch wieder die alten Frauen sowie auch männliche und jüngere Dorfbewohner eingetroffen. Einige der Frauen weinen, als sie sehen, was da zutage kommt. Die beiliegenden Ausrüstungsgegenstände sprechen eine klare Sprache. Es sind allesamt deutsche Soldaten, die hier neben der Dorfstrasse bestattet wurden. Kragen spiegel der Luftwaffe, Kompass, Reste deutscher Zeitungen, Geldstücke, Siegelringe. Zwei haben eine Erkennungsmarke bei sich, sie werden ihren Namen wieder erhalten.
Am Abend stoßen wir wieder zu den anderen, die am Lazarettfriedhof gearbeitet haben. Knapp 30 Soldaten haben sie dort in den letzten 3 Tagen geborgen.
Am nächsten Tag schließt sich der Kreis. Wir fahren nach Aleschkin, genau gesagt nach Verkhne Aksenovskiy. Die Asphaltstrasse hört irgendwann auf. Einfache Strommasten ziehen sich bis zum Ende des Horizonts hin, der Feldweg, oder besser gesagt die Piste, neben ihnen. Nach stundenlanger Fahrt erreichen wir das Dorf. Hier, neben und in den Stallungen liegen die damals bei dem russischen Vorstoß gefallenen Soldaten.
Schnell werden wir wieder fündig. Es geht Schlag auf Schlag, trotz des schwierigen Bodens, des Umfelds. Es ist wahrlich nicht einfach, in einem Loch zu graben, genau neben einem Misthaufen, in Augenhöhe mit Schweineexkrementen. Aber unser Wille treibt uns. Wir wollen diese Menschen, die damals doch nur das taten, was das Gesetz ihnen befahl, einer würdigen Ruhestätte zuführen. Kaum einer aller geborgenen ist älter als 25 Jahre. Unterschiedlichste Waffengattungen sind erkennbar, vom Sanitäter bis zum Offizier der Artillerie, vom Panzersoldaten bis zum einfachen Soldaten der Infanterie, alles ist vertreten. Oft zeigt sich in grausiger Wahrheit, woran diese Soldaten zu Tode gekommen sind.
Da, ein Grab mit den sterblichen Überresten von 3 Soldaten. Übereinander. Plötzlich Glas! Eine Flasche. Verschlossen. Wir haben eine Grabflasche gefunden! Damals eine gängige Praxis, um die Namen der Bestatteten zu bewahren.
Langsam wird der Zettel entrollt. Die Daten werden sofort aufgeschrieben, denn das Papier löst sich innerhalb kurzer Zeit in Staub auf. Der hiesige Vertreter des Volksbundes, Hans, freut sich. 3 Namen mit Geburtsdatum. Das ist ein Glücksfall.
Das Ende des Tages stoppt uns. Bisher haben wir hier 26 Soldaten exhumiert. Stille umgibt uns, selbst das Vieh ist ruhig. Wir halten einen kleinen Gottesdienst ab. Eine aus Deutschland mitgebrachte Grabkerze wird neben 2 aufgefundenen Stahlhelmen entzündet. Blumen werden dazu gelegt.
Wie auch am Tag zuvor, bei den von unserer Gruppe gefundenen 4 Soldaten, hält unser Schweizer, Antonius, einen kleinen Gottesdienst ab. Er kann es, denn er ist auch im wahren Leben ein Diener der Kirche. Wir alle kämpfen mit uns, die Augen werden feucht.
Am nächsten Morgen heißt es Packen. Auf dem Rückweg haben wir noch eine Aufgabe. Wir wollen den Ort aufsuchen, der in einer der bei uns aufgegebenen Suchanfragen genannt wurde. Ein Österreicher ist es, 13 Tage nach seinem 20.Geburtstag, am 31.071942, noch auf dem Vormarsch Richtung Stalingrad gefallen. Seine Angehörigen fragen nach seiner Grablage.
Auch in diesem Dorf, ca. 30 km nordwestlich der Donbrücke bei Kalatsch, dauert es nicht lang. Schnell merkt man, das wir Ausländer sind. Die jungen Leute sind alle weg, wahrscheinlich in die Stadt gezogen. Doch die zurückgebliebenen älteren Einwohner nähern sich uns. Wir beginnen mit Hilfe von Aleksej, unserm Betreuer des Volksbundes, der auch sehr gut Deutsch spricht, die Einheimischen zu befragen. Und nach einigen Gesprächen kristallisiert es sich heraus. Ja, einige Einwohner wissen noch etwas. Und zeigen uns alle die gleiche Stelle, auch wieder genau neben der Dorfstrasse. Noch mehr sollen dort liegen, auch heute noch.
Wir haben wieder ein Gefallenenschicksal geklärt. Mehr können wir im Moment nicht tun. Genehmigungen sind erforderlich, um dort graben zu können. Doch der Volksbund wird sich darum kümmern. Vielleicht sogar noch in diesem Jahr. Am nächsten Tag, unserem letzten Tag, starten wir zur Rundfahrt in Wolgograd. Zuerst geht es zum Deutschen Soldatenfriedhof in Rossoschka, vorbildlich angelegt und gepflegt vom Volksbund. Hier werden Ende des Jahres alle gefundenen Soldaten des Jahres feierlich beigesetzt. Später werden dann auch die ermittelten Namen in Steintafeln gemeißelt und an der kreisrunden Granitmauer neben den schon vorhandenen angebracht.
Die Getreidemühle, der Keller des Kaufhauses „Univermag“ am roten Platz, damals der letzte Gefechtsstand der 6. Armee, der Mamajew-Hügel mit der riesigen Statue der Mutter Erde, 85m hoch, Pestschanka mit dem österreichischen Denkmal sind nur einige Punkte dieser Fahrt. Dann geht es zum ehemaligen Flugplatz Pitomnik, bis zur Einengung des Kessels Mitte Dezember 1942 die Hauptschlagader des Kessels. Heute ist von dem Dorf Pitomnik nichts mehr da. Nur ein von den ehemaligen Bewohnern dieses Dorfes angelegter steinerner Entwässerungsgraben gibt die genaue Lage des Flugplatz wieder.
Hierher wurden damals die spärlich eintreffenden Nachschubgüter eingeflogen, kaum mehr als 100 t pro Tag, wobei doch mit allen Einschränkungen mind. 300 t täglich notwendig waren, um die eingeschlossene 6. Armee am Leben und kampffähig zu erhalten.
Überall liegen noch kleine Schrottteile von Fahrzeugen, Flugzeugen, Panzern. Deutsche Benzinkanister.
Und von hier wurden viele Verwundete ausgeflogen. Doch was ist viel?
Die Masse der hierher gebrachten Verwundeten und der Soldaten, die es geschafft hatten sich hierher zu schleppen, überlebten es nicht. Sie starben im Artillerie- und Bombenhagel der Roten Armee, erfroren am Rande des Flugfeldes oder schon auf dem Weg hierher.
Das Flugfeld ist heute ein Acker. Und doch erkennt man sehr schnell, welche Szenen sich hier abgespielt haben müssen. Denn man sieht überall Fragmente menschlicher Knochen. Muß auf sie treten, denn man kann kaum ausweichen. Teile von Ausrüstungsgegenständen, Reste von Stiefeln, Patronenhülsen. Es ist grausig. Unvorstellbar.
Nie wieder Krieg, das ist die Sprache, niemals so etwas erleben müssen, das ist das Hoffen, was uns an diesem Platz, nein, auf der ganzen Reise, begleitet hat.
Und der Wille weiterzumachen, mit dieser uns selbst auferlegten Aufgabe, soviel wie möglich Gefallenen ihren Namen wiederzugeben, sie einem würdigen Ruheplatz zuzuführen.
Helfen sie uns dabei!
Das Team von www.vermisst-gefallen.net
Benny, der Autor Mark, der Lektor
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