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Vergessen im Wald
Herbstwetter, windig und kalt, umtost uns. Es passt zu dem gespenstigen und abgelegenen Gebiet in dem wir uns befinden. Überall krumme verwachsen Bäume und der Fachmann erkennt, dass das nicht auf Krankheiten oder andere Anormalitäten zurückzuführen ist. Nein, denn auch der Boden erzählt schon im Ansehen seine Geschichte und damit die Geschichte dieses Waldes. Hier haben in den letzten Tagen des Krieges deutsche Soldaten versucht, die rote Sturmflut aufzuhalten oder besser gesagt zu verzögern. Der Kampf war längst entschieden. Das wusste jeder. Aber die Gräueltaten der aufgehetzten, russischen Soldaten an der deutschen Zivilbevölkerung ließen diese Tatsache vergessen. Das eigene Leben war egal geworden, es zählte nur noch die Rettung der verängstigten Zivilisten, in dem Zeit gewonnen wurde, dass diese in Richtung Westen flüchten konnten.
Soweit zur Geschichte. Ja, der Boden spricht eine klare Sprache. Granattrichter an Granattrichter, verworrene Stellungssysteme, wie ein Spinnennetz die Erde zerfurchend. Verrottete Gasmaskenbehälter, Essgeschirre, Granatreste die wie Bananen aufgeschälte sind, liegen herum. Man muss nicht graben, auf den abschüssigen Stellen des lehmigen Bodens liegen Patronenhülsen, russische und deutsche. Eine deutsche Panzermine ist zu sehen, im Laufe der Jahre mit einem Baum aus der Erde herausgewachsen.
Und dann stutze ich, es ist ein Knochen zu erkennen, etwas länglich. Ich nehme mein Messer und fange an zu scharren. Und aus der Unglaublichkeit wird Erkenntnis. Hier liegt ein deutscher Soldat, vielleicht maximal 20 cm unter der Oberfläche. Langsam lege ich das Skelett frei, Knöpfe, ein Kamm, ein Geldstück, Reste eines Bleistifts kommen zum Vorschein. An den Knochen ist zu erkennen, dass es sich um einen jungen Soldaten handelt. Französische Patronen sind in seinen Munitionstaschen, die noch an seinem Körper sind. Und dann kommt sie zum Vorschein, seine Erkennungsmarke. Ich bin schockiert. Da liegen, 50 Jahre nach Kriegsende, noch Soldaten im Wald. Wieso? Wieso ist niemand irgendwann mal auf die Idee gekommen, dass das so sein könnte? Ist so etwas egal? Zählen diese Menschen nichts mehr? Ich verstehe das nicht.
Nun, dieser Soldat ist inzwischen umgebettet. Noch andere lagen dort, wie es sich später bei genaueren Untersuchungen durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge herausstellte. Und es konnte diesem Menschen seine Identität wiedergegeben werden, den anhand der Erkennungsmarke ermittelte die WAST seine Daten.
Unteroffizier K.S., geb. am 5. 06.1922. Er galt als vermisst.
Dieses Erlebnis ist knapp 7 Jahre her und es war der Anfang des ganzen. Der Anfang einer Sisyphus-Arbeit, denn anders kann man das Suchen nach all den vielen Wald- und Wiesen“gräbern“ nicht bezeichnen. Dafür gibt es kein Danke, Kein Geld, keine Orden, leider sehr oft Unverständnis.
Aber trotz allem, wir sind jedes Mal in Ehrfurcht glücklich, wenn wir eine dieser Stätten ausfindig gemacht haben.
Denn Dank muss nicht irdisch sein.



