Sie sind hier: Startseite > Berichte
Volgograd 2004
Volgograd 2004
Jede Reise will gut organisiert sein, man will den Ablauf geplant haben, wissen wo man am Abend sein Bett hat ........ aber was ist, wen vor Ort die Uhren ganz anders ticken, Organisation und Struktur nur im Lexikon stehen bzw. wir sie einfach nicht so verstehen? Entweder man geht sich selber verloren, oder man taucht ins antreffende System ein und lässt sich vom Sog der Spontanität mitreissen. Nach einer Tagesreise von München über Moskau nach Volgograd kamen wir fast pünktlich auf dem Flughafen Gumrak um 22.30 h an. Die VDK-Mitarbeiter Aleksej und Roman sowie unser Chauffeur Viodr waren eine herzliche Empfangsdelegation; Bier und das Nationalgetränk fehlte natürlich nicht. Wir fuhren in die Wohnung von Aleksej, wo seine Frau Tanja und Sohn Pavel geduldig mit dem Essen warteten. Bis in die Morgenstunden wurde erzählt, erinnert an die letzten Suchfahrten, gelacht, Geschenke verteilt und einfach sich gefreut über das Wiedersehen. Der Morgen liess sich ruhig angehen; schon weil es seit Tagen im ganzen Viertel kein warmes Wasser gab. Demzufolge blieb auch das Gedränge um die morgendliche Köperpflege aus. Die folgenden zwei Tage bewegten wir uns im Radius von 30 – 35 km nordwestlich von Stalingrad. In diesem Bereich gab es viele Stellungen, Bunker und auch viele Kampfgebiete. Aleksej zeigte uns die Balkas und gab auch Erklärungen ab. In einem Dorf, weit ab von Asphaltstrassen zeigt er uns ein russisches Denkmal mit über 250 namentlich erwähnten Heldenkämpfer. Darunter auch ein Verwandter von Aleksej
Am Dienstag ging es dann endlich Richtung Norden los. Viodr, unser Chauffeur fuhr uns mit einem Kleinbus; der VDK-Trupp mit dem Jeep. Nach etwa 100 km setzten wir mit der Fähre aufs andere Ufer des Dons über und weiter ging’s Richtung Westen. An einer Quelle, die 1761 von den Don-Kosaken gefasst wurde und damals schon von der Deutschen Wehrmacht wegen der guten Wasserqualität genutzt wurde, füllten wir einen 70 lt. Kanister. 15 km über Feldwege, wo bei uns kaum ein Traktor fahren würde, ging es ins ehemalige Dorf Perekopka. Das Dorf mit allen 1'200 Einwohner wurde in den 60ern vom Staat ungesiedelt. Wen man über die Gegend schaut, sind noch vereinzelte Strommasten stumme Zeugen einer vergangen Zivilisation. Ansonsten ist nichts zu erkennen. In diesem Dorf, das über 7 km lang war, gab es drei Wehrmachtsfriedhöfe, angelegt vom Gebirgsjäger Regiment 100. Ein Lazarett-Friedhof mit 95, ein weiter mit 81 Gräbern. Die beide wurden vordere Woche durch den VDK-Trupp exhumiert. Der dritte Friedhof mit 43 Gräbern war dann unser Einsatzort. Er befindet sich an einem kleinen Abhang zur ehemaligen Dorfstrasse und ist in 4 Reihen angelegt. Die unterste mit 4 Gräbern die oberen mit je 13.
Sogenannte Grabräuber haben aber schon vor ca. 15 – 20 Jahren Ihr Werk verrichtet ( auf allen drei Friedhöfen), so dass die Anlage des Friedhofs für uns optisch recht übersichtlich ist
Der VDK besitzt von der WAST eine Liste mit über 275 Namen, die alle irgendwo in Perekopka begraben sein sollen. Da der Name Perekopka allerdings in der Umgebung nicht selten ist, wird es schwierig, alle hier in diesem ehem. Dorf auffinden zu können.
Wir packen unser Sachen aus dem Bus, den Viodr muss wieder zurück nach Stalingrad und kommt uns in drei Tagen wieder holen. Gleich ging es mit Spaten bewaffnet an die Arbeit. Die Beschaffenheit des Bodens war sehr locker und die Erde konnte gut ausgehoben werden. Kein Skelett wurde ganz gefunden – die Marodeure hatten „gute Arbeit“ geleistet, lediglich am dem Becken abwärts waren einige Gräber unberührt. Am Abend waren schon über 25 Soldaten bzw. was davon übrig blieb exhumiert.
Nun wurde das Nachtlager bei Hitze von 35 -40 Grad und einem stürmischen Steppenwind errichtet und wir stellten drei Zelte auf. Der herrliche rote Sonnenuntergang, der darauffolgende klare und ausdrucksfähige Sternenhimmel, das gemeinsame Abendessen ums Lagerfeuer, ergriff unsere Seelen In diesem zauberhaftem Gefühl liessen wir uns vom warmen Steppenwind mitreissen und ein erlebnisreicher Tag neigte sich dem Ende.
Am Mittwoch begann der Tag genau so wunderbar mit einem Sonnenaufgang. Der Schnellkaffee und eine kleine Katzenwäsche vom Kanister mussten reichen. Bevor die Sonne richtig zu glühen drohte, ging unsere Arbeit auf dem Friedhof weiter. Roland suchte mit einem Metallsuchgerät die ausgehobene Erde ab und fand so 5 weitere Erkennungsmarken, die zu einer zweifelsfreien Identifikation der Soldaten führen (Diese Marken waren nicht verzeichnet, so dass es sich hierbei um bis heute als vermisst geltende Soldaten handelt).
Der Friedhof wurde im Zeitraum Mittel Juli bis Mitte September 1942 angelegt. Als alle exhumiert waren und Aleksej alles sorgfältig zu Papier brachte, suchte Florian das Gelände um den Friedhof ab. Eine weitere Probegrabung neben dem Friedhof zweigte schnell, dass da noch weiter Knochen liegen. Wieder wurden die Ärmel hochgekrempelt und die Spaten bohrten sich erneut in die Erde. Diese Stelle war nirgends vermerkt, aber an Hand der Liste vom VDK wurde vermutet, dass es sich um ein Massengrab mit 12 Soldaten vom Nov. 1942 handeln könnte. Die zwei gefundenen EKM’s, sowie die Anzahl der Soldaten bestätigten die Vermutung. In den Grablisten war lediglich verzeichnet, dass diese 12 Soldaten irgendwo im großen Donbogen liegen müssen, nun hatten wir sie gefunden und ein weiteres Rätsel gelöst. Der Fund war ein absoluter Zufall. Somit konnten von den gesamten 275 registrierten Gräbern in „Perekopka“ 213 exhumiert werden. Wo mögen bloss die anderen liegen? Werden sie noch gefunden?
Eigentlich waren wir überrascht, dass nach der Grabplünderungen immer noch EKM’s vorhanden sind. Aleksej klärt uns auf, dass damals nur die Abzeichen mit Edelmetall eine Einnahmequelle war, nicht aber die EKM’s.
Am späten Nachmittag kam dann ein Landwirt mit seiner Raupe und ebnete den Friedhof wieder ein. Nicht schön – aber zweckmässig.
Bevor es zur Geburtstagsparty von Sergej am Lagerfeuer ging, wurde noch eine Grabkerze auf dem Friedhof entzündet. Aleksej erzählt uns eine interessante Beobachtung, die er letztes Jahr in Werchne Achsenowski gemacht hat, wo wir über 26 Soldaten geborgen hatten und am Abend noch einen kleinen Gottesdienst abgehalten hatten. Als der VDK-Trupp am Montag wieder an die gleiche Stelle kam um weiter zu arbeiten, haben von der Dorfbevölkerung noch mehr Blumen dort gelegen und die Kerze hätte immer noch gebrannt. Aleksej betätigte sich als Grillmeister, Hans übernahm mit seinem Autoradio die musikalische Gestaltung und wir genossen den romantischen Zauber der Natur am Horizont und konnten uns kaum satt sehen. Der herrliche Duft des Fleisches, unsere fröhliche Stimmung und das gequitsche des Autos wurde vom warme Wind friedlich und mit Genuss über die Steppe verzogen. Diese Geburtstagsfeier wird uns wohl stets in bester Erinnerung bleiben.
Am folgenden Tag sind wir noch etwas durch die Balkas geschlendert und da und dort etwas in der Erde rumgestochert. In einem eingefallenen Unterstand stiessen wir auf eine Granate. Eine alleine kann es nicht sein und so haben wir weiter gegraben. Und siehe da. Eine ganze Menge in diversen Grössen und Formen kamen zu tage. Der Respekt vor diesem todbringenden Material liess uns auf Distanz gehen. So blieb uns dann das Packen und der Abbau unseres Steppen-Quartiers. Bevor wir aber die Rückreise nach Volgograd antraten, besuchten wir noch ein Dorf und einen ehem. Feldflugplatz der Wehrmacht. Faszinierend für alle war, das wir einen wirklich freilebenden Adler beobachten konnten.
Etwas ungewöhnlich für die Jahreszeit, aber das Wetter änderte sich und es fing an zu regnen. Wir brachen unser Erkundungsfahrt ab und machten uns auf den zum Don. Dort erwartete uns Viodr und hatte für jeden von uns eine kleine Stärkung bereit. Wir freuten uns auf eine Dusche und hofften natürlich, dass es in der Zwischenzeit warmes Wasser hat. Aber auch kaltes Wasser hat eine reinigende Wirkung. Am folgenden Tag floss nach dem Kaffee dann überhaupt kein Wasser mehr aus der Leitung – weder zum Kochen noch für die Toilette.
Die verbleibende Zeit war gefüllt mit einem Stadtspaziergang, besuche bei Roman und Sergej zu Hause, sowie in „Hartmann-Stadt“. Hartmann-Stadt wird nach dem Generalleutnant und Ritterkreuzträger Alexander von Hartmann benannt, der die 71. ID anführte und in diesem Gebiet seine Kommandozentrale hatte. Er fiel am 26.01.1943 an der bekannten Zariza Schlucht und wurde im Februar 1943 nachträglich zum General der Infanterie befördert. Einen Abend reservierten wir aber für eine echte russische Banja (Sauna) und die Freude über das warme Wasser war Vergleichbar mit Kinder vor dem Weihnachtsbaum.
Aleksej und Roman war dann die Abschiedsdelegation am Flughafen. Selbstverständlich konnten wir nicht einfach so Volgograd verlassen. Die örtliche Bürokratie erkannte den Stempelaufdruck auf den Einreise-Visen nicht an und die ortsübliche Diskussion nahm seinen Lauf. Nach einer Stunde, etwas Geld und vielen Formularen die wir unterzeichnen mussten ging es dann doch (Wir hoffen alle inständig, das wir mit unseren Unterschriften nicht der russischen Armee beigetreten sind!!). Die gut 900 km nach Moskau gingen um einiges schneller, als in Moskau von Nationalen zum Internationalen Flughafen. Obwohl die beiden gut einen Kilometer entfernt sind, muss eine Wegstrecke von 4 km befahren werden. Aber wir hatten ja genügend Zeit und konnten uns der echten russischen Organisation anvertrauen.
Glücklich und Wohlbehalten sind wir zu Hause angekommen. Aber für uns steht fest, dass wir in unserem Auftrag nach Vermissten und Gefallenen zu suchen weitermachen. Es soll ein Zeichen sein für Frieden in der Welt und Gewissheit für die Angehörigen.
Wollen auch Sie helfen? www.vermisst-gefallen.net




