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Reise in eine traurige Vergangenheit
Am 4. September 1941 begann der Artilleriebeschuss auf Leningrad. Ab dem 8. September 1941 belagerten deutsche und finnische Truppen die Stadt. 900 Tage sollte die Belagerung Leningrads dauern. 70 Jahre später reist eine kleine Gruppe Deutscher in genau diese Gegend, um gemeinsam mit einer russischen Suchgruppe nach gefallenen Soldaten beider Nationen zu suchen.
Zu den sieben Mitgliedern des Vereins zur Klärung von Schicksalen Vermisster und Gefallener (VKSVG), die sich auf eigene Kosten auf den Weg machen, gehört auch Ulrich Gojowczyk aus Schleife. „Vom 2. bis 11. September folgten wir einer Einladung der russischen Suchgruppe Ingria, die von Prof. Dr. Iljin geleitet wird, in die Wälder nahe St. Petersburg, wie Leningrad heute heißt, bei Kirowsk“, berichtet Gojowczyk.
Nach einer langen Anreise erreichte die Gruppe nach zirka anderthalb Stunden über abenteuerliche Wege inklusive Flussdurchfahrt, das Zeltlager der russischen Suchgruppe. „Dort wurden wir herzlich empfangen. Es überraschte uns, dass sich auch eine junge Frau aus Schweden in dieser Gruppe befand.“
Voller scharfer Munition
In den folgenden Tagen erfolgten in verschiedenen Bereichen in einem Waldgebiet, etwa 35 mal 70 Kilometer groß, Vorarbeiten. Wie Gojowczyk berichtet, gestaltete sich die Suche nicht so einfach, da der ganze Erdboden noch immer gespickt mit scharfer Munition aller Kaliber ist. Der Schleifer schildert: „Man kann einen ungefähren Eindruck davon gewinnen, wie es wohl vor 70 Jahren gewesen sein muss: Stellungsbauten, Granattrichter, Reihen von Schützengraben und noch an der Oberfläche liegende Ausrüstungsgegenstände. Im Winter die Kälte, im Frühjahr und Herbst die Nässe und im Sommer die Mücken. Bilder von Tagebuchaufzeichnungen und Zeitzeugenberichten werden in mir lebendig. Was für ein unsagbarer Krieg! Ich frage mich: Was hatten wir dort gewollt?“
Die Gruppe Ingria arbeitet mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zusammen. Die geborgenen Gebeine der deutschen Soldaten werden übergeben und auf dem Soldatenfriedhof St. Petersburg/Sologubowka beigesetzt, so Ulrich Gojowczyk.
Deser Friedhof, der erst im September 2000 eingeweiht wurde, sowie der russische Soldatenfriedhof waren auch Ziele seiner Reise. Am letzten Tag zeigte Katja, ein Mitglied der russischen Gruppe, den Deutschen noch ihre schöne Stadt St. Petersburg. Auch dies hinterließ bei jedem einen bleibenden Eindruck.
„Als Fazit dieser Reise kann ich nur sagen, es wird uns unvergesslich bleiben – das Abenteuer selbst, die Gastfreundschaft und die tiefgreifenden Gespräche am Lagerfeuer“, sagt Ulrich Gojowczyk aus Schleife. Sehr beeindruckt habe ihn die Aussage eines Mitglieds der russischen Gruppe: Russen und Deutsche verbindet eine jahrhundertealte gemeinsame Geschichte. Zwei Kriege führten zu Hass und Feindschaft. So etwas dürfe zwischen beiden Völkern nie wieder vorkommen. Diese beiden starken Völker sollten in Europa zusammenstehen und in Freundschaft leben. „Wir wollen an dem Gesagten festhalten und weiterhin unsere Arbeit für den Frieden leisten im Verein zur Klärung von Schicksalen Vermisster und Gefallener.
In Gedenken
Am morgigen Volkstrauertag wollen sie der Soldaten gedenken, die in den beiden Weltkriegen starben, aber auch derer, die in Gefangenschaft, als Vertriebene oder Flüchtlinge ihr Leben verloren.
Ulrich Gojowczyk



