Hörnle-Division

65 Jahre Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte

Am 22. Juni 1944, also vor 65 Jahren begann an der Ostfront die sowjetische Großoffensive gegen die deutschen Wehrmachtsverbände. Sie endete in einer der verlustreichsten Schlachten der deutschen Geschichte. Tausende Soldaten fielen, wurden verwundet oder gerieten in Gefangenschaft und gelten seitdem als vermisst. Unter ihnen der Michelbacher Schmied Albert Goller, welcher in Gefangenschaft geriet und im Alter von nur 28 Jahren fernab der Heimat starb.


September 1939, Deutschland ist im Krieg! Essensmarken werden verteilt und die Mobilmachung läuft an. Sie trifft auch den am 31. März 1916 geborenen Schmied Albert Goller aus Michelbach am Wald (Hohenlohekreis, Baden-Württemberg), der mit 23 Jahren zur Artillerie eingezogen wird. Albert Goller, der bereits in den Jahren 1934/35 seinen Wehrdienst geleistet hatte, kommt zur 9. Batterie des Artillerie-Regiment 260, welches der 260. Infanterie-Division unterstellt ist. Die Division bildet sich durch Einheiten aus ganz Württemberg. Heimatstandort ist die Garnisonstadt Ludwigsburg. Aufgrund der Kriegserklärung Englands und Frankreichs an das Deutsche Reich, verlegt die Division zur Sicherung der deutschen Westgrenze an den Oberrhein. Nach ruhigen Wochen in denen die Ausbildung der Soldaten im Vordergrund steht, geht es mit Beginn des Westfeldzuges im Mai 1940 den kämpfenden Truppen als Reserve hinterher. Erst ab Anfang Juni 1940 greifen Teilverbände der Division in den Kampf mit ein. Nach dem siegreichen Feldzug im Westen liegt die 260. Infanterie-Division, die durch das Divisionswappen in Form eines Geweihs auch „Hörnle-Division“ genannt wird, ein Jahr in Frankreich bis sie am 30. Juni 1941 in Richtung Ostfront verlegt wird.


Vorwärts! Immer vorwärts!

Hier folgen hunderte Kilometer Marsch und schwere Kämpfe. Von Bobruisk bis nach Kiew und wieder zurück, vor Moskau. Teils mit Marschleistungen von über 40 km am Tag geht es für die Soldaten voran. Die Division stößt nach anfänglichen Erfolgen weiter nach Moskau vor, als die deutschen Truppen im Dezember 1941 mangels Nachschub und schlechter bis keiner Winterausrüstung, sowie stärker gewordener Widerstand seitens der Sowjetarmee, erstmals zurückweichen muss. Es folgen zweieinhalb Jahre Kampf in denen die Division „vor Moskau“ steht und sich, teils von der Roten Armee eingeschlossen, Stück für Stück zurückziehen muss.


Zum Jahreswechsel 1943/44 kommt Albert Goller zum letzten Mal ins heimische Hohenlohe, hier heiratet er am 03. Januar 1944 seine Freundin Else und erlebt die Geburt seines Sohnes Werner am 06. Januar. Ein bis zwei Tage nach der Geburt des Sohnes geht es für frischgebackenen Vater zurück an die Front. Es ist ein Abschied für immer. Als die „Hörnle-Division“ rund ein dreiviertel Jahr im Gebiet von Mogilew im heutigen Weißrussland kämpft, wird sie im Mai 1944 weiter nördlich nach Orscha verlegt. Zu diesem Zeitpunkt wird Albert Goller, welcher im Laufe des Krieges mit der Ostmedaille –für den Winterkampf im Osten- und dem Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern ausgezeichnet wurde, vom Artillerie-Regiment 260 zur Veterinär-Kompanie 260 versetzt. Hier ist er als Oberbeschlagmeister (Oberfeldwebel) eingesetzt und kümmert sich um des Soldaten besten Freund, um die Pferde der Division, die im Gegensatz zur Technik auch Schlamm und Eis trotzen.


"Operation Bagration"

Als Anfang Juni 1944 bei Orscha die Stellungen bezogen werden, ahnen wohl nur wenige was die nächsten Wochen folgen wird. Die Front der Heeresgruppe Mitte ist, aufgrund von Truppenverlegungen an andere Frontabschnitte ausgedünnt und genug Nachschub kommt auch nicht an. Hinzu kommen tausende Terroranschläge auf Eisenbahnverbindungen durch Partisanen. Der Roten Armee gelingt es durch Täuschungsmanöver unbemerkt, Heerscharren von Soldaten an den Frontabschnitt der Heeresgruppe Mitte zu verlegen. So stehen rund 850.000 deutsche Soldaten über 2,3 Mio. Rotarmisten gegenüber. Auf über 4.000 Sowjetpanzer kommen keine 500 deutsche Panzer, noch schlechter sieht es bei der Luftwaffe aus. Die Übermacht ist erdrückend. Am 22. Juni 1944 um 4:00 Uhr morgens beginnt mit einem mehrstündigen Artilleriefeuer auf die deutschen Stellungen, die große sowjetische Sommeroffensive „Operation Bagration“.
Die deutschen Stellungen werden durch das heftige Artilleriefeuer völlig vernichtet, durch die hohen Verluste, sind die Hauptkampflinien nur noch dünn besetzt. Die sowjetischen Truppen können trotz erdrückender Übermacht aber zunächst nur geringen Geländegewinn erzielen. Nach einem weiteren Vorstoß auf das nördlich gelegene Witebsk gelingt es der Roten Armee die Stellungen der Wehrmachtsverbände vor Orscha zu umgehen. Infolge weiterer Schwächung der eigenen Kräfte beschließen die Wehrmachtsverbände Orscha aufzugeben. Am 26. Juni 1944 setzen sich die Verbände nach Westen ab, auch die Veterinär-Kompanie 260 mit Albert Goller. Die Sowjets verfolgen im überholenden Tempo die deutschen Truppen, die sich in Richtung der weißrussischen Hauptstadt Minsk zurückziehen und stoßen hierbei immer wieder in die Wehrmachtsverbände hinein. Auch am 27.06.1944, als sich Albert Goller mit seiner Kompanie bei der kleinen Ortschaft Krugloje befindet und es zu einem Überfall durch feindliche Truppen kommt, seit diesem Überfall gelten viele Soldaten seiner Einheit als vermisst. Ob Albert Goller an diesem Tag in Gefangenschaft gerät, lässt sich nicht mehr klären. Später in Gefangenschaft wird er angeben, dass er am 29. Juni 1944 bei Borissow (also unweit von Krugloje) in Gefangenschaft kam. Der 29. Juni könnte aber genauso das Ankunftsdatum im Frontsammellager gewesen sein. Während Albert Goller den schweren Weg in die Gefangenschaft antritt, versuchen seine Kameraden der Hörnle-Division weiter nach Westen zu fliehen. In Minsk eingekesselt, bricht die Division aus und schlägt sich weiter nach Westen durch. Von etwa 15.000 Soldaten der 260. Infanterie-Division schafften es lediglich etwa 1.300 Mann sich in Sicherheit zu bringen. Die Division hörte damit auf zu bestehen. Nicht anders sah es mit der Heeresgruppe Mitte im Gesamten aus. Sie hatte insgesamt fast 400.000 Mann verloren, wovon „nur“ etwa 26.000 Mann gefallen waren, über 100.000 waren verwundet und über 260.000 galten als vermisst. Nur wenige schafften es in den folgenden Wochen und Monaten sich einzeln oder in kleinen Gruppen nach Westen durchzuschlagen. Bei den wenigen bekannten Einzelschicksalen, gibt es Fälle, wo sich die Soldaten über Wochen hinweg und meist bei Nacht über 500 km (!) zu den eigenen Truppen durchgeschlagen haben.
Viele Soldaten waren wie Albert Goller in Gefangenschaft geraten, andere waren, von Kameraden unbemerkt, gefallen oder wurden von Partisanen und Rotarmisten ermordet. All dies geschah, ohne dass die Familie davon wusste. Sie sollte erst 53 Jahre später erfahren, was aus dem Ehemann und jungen Familienvater wurde.


Von Moskau nach Baschkirien

Stalin ließ nach der erfolgreichen Operation Bagration am 17. Juli 1944, 57.000 deutsche Kriegsgefangene wie Vieh durch Moskaus Straßen treiben. Die für die Bewachung zuständigen Rotarmisten hatten große Mühen, die, von der Sowjetpropaganda aufgepeitschte, Zivilbevölkerung zurückzuhalten. Unter diesen Kriegsgefangenen dürfte sich mit aller Wahrscheinlichkeit auch Albert Goller befunden haben.
Er kam laut Kriegsgefangenakte am 22. Juli 1944 in dem von Moskau über 1.300 km entfernten Ascha, im Oblast Tscheljabinsk, Südural, an. Dort werden die Gefangenen auf die 12 Waldlager, sowie auf das Hauptlager in Ascha selbst verteilt. Die Lager mit Holzbaracken, welche teilweise bereits im 1. Weltkrieg Gefangene beherbergten, haben eine Belegung von 1000 bis 2000 Mann, Soldaten wie verschleppte Zivilisten. Sie müssen meist Waldarbeiten verrichten, sowie in Steinbrüchen und Ziegeleien unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Viele Gefangene kommen schon krank, erschöpft und unterernährt in den Lagern an. Andere starben bereits auf dem Transport.
Welche Arbeiten Albert Goller verrichten muss, lässt sich nicht mehr klären. Überliefert ist, dass er am Neujahrstag 1945 in die Isolierstation des Lazaretts, welches sich im Hauptlager Ascha selbst befindet, kommt. Vermutlich hat er Hungertyphus oder Fleckfieber wie viele seiner Leidgenossen. Mitleid hat er hier jedoch wenig zu erwarten, bei wenigen bis keinen Medikamenten ist der Tod für die Gefangenen oft schon beschlossene Sache. Auch der Lazarettarzt Dr. Kaz ist den Gefangenen keine Hilfe. Für ihn ist jeder Tote nur „ein Faschist weniger“.
Albert Goller stirbt nach 22 Tagen Lazarett, im Alter von nur 28 Jahren, am 22. Januar 1945 an den Folgen von Unterernährung. So besagt es seine Gefangenenakte. Für seine Familie gilt er nach wie vor als vermisst. Nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht kommen neue Gefangene nach Ascha. Viele werden das Schicksal ihres Kameraden Goller teilen. Insgesamt starben allein im Lager Ascha 15.000 bis 20.000 Gefangene, meist an Hungertyphus oder Fleckfieber.


53 Jahre des Wartens

Nun, nachdem der Krieg vorbei ist, geht das Warten weiter. Jeder vierte gilt als verschollen: Soldaten, Flüchtlinge, Vertriebene. Suchen und Warten wird zum Lebensinhalt, für manche bis zum heutigen Tag. Nach dem 1955 offiziell alle deutschen Kriegsgefangen aus der Sowjetunion entlassen sind, ist es für die Familie gewiss: Ehemann und Vater wird nicht wieder kommen. Trotzdem bleibt die quälende Frage offen, wann und wo Albert Goller gefallen ist.
Als der Eiserne Vorhang fällt, erschließt sich für den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes die Möglichkeit, endlich in die Kriegsgefangenenakten Einsicht zu nehmen. Nach und nach werden aus Moskau gegen Geld Datensätze übermittelt, die dann in oft mühevoller Arbeit aus dem kyrillischen ins lateinische übersetzt werden. Es handelt sich dabei um die Gefangenenakten abertausender Männer, Frauen und Kinder die fernab der Heimat in irgendwelchen Lagern der Sowjetunion starben.

1997 dann die Gewissheit für die Familie. Laut Auskunft des DRK-Suchdiensts starb Albert Goller am 22. Januar 1945 in Gefangenschaft im über 3.500 km entfernten Lager Ascha und ruht dort im Grab 26/17. Für die zu diesem Zeitpunkt noch lebende Witwe Goller (+2000) mit Sicherheit eine zufriedenstellende Nachricht, gehört sie immerhin zu denen die nun wussten wann und wo ihr Liebster verstorben und begraben ist.

2006 kontaktiert der Sohn Werner Goller den Verein zur Klärung von Schicksalen Vermisster und Gefallener e.V. (VKSVG), da er gerne noch nähere Informationen zu den Todesumständen, insbesondere zum Kriegsgefangenenlager und zur Begräbnisstätte des Vaters hätte. Der VKSVG e.V., dessen Mitglieder es sich zur ehrenamtlichen Aufgabe gemacht haben Gefallene zu bergen damit diese eine würdige Ruhestätte erhalten, sowie Personen nach der Suche nach ihren vermissten Angehörigen zu helfen, nimmt sich des Falles an. „Eigentlich kein sonderlich schwerer Fall für unser Recherche-Team“, weiß Vorstandsmitglied Ingo Wenzeck zu berichten. Das es doch drei Jahre gedauert hat bis der Fall zufriedenstellend abgeschlossen ist, liegt neben der großen Nachfrage beim VKSVG auch an der selbigen Situation bei den regulären Auskunftsstellen und der daraus resultierenden langen Wartezeit, daran, „dass es schwer für uns war die Grablage 26/17 einem Friedhof zuzuordnen.“
Dem VKSVG e.V. gelingt es eine Kopie der Kriegsgefangenenakte Albert Gollers zu besorgen, sowie mit Hilfe des österreichischen Ludwig-Boltzmann-Institutes an weitere Informationen zur Lagerverwaltung Ascha zu kommen. Aber erst der Kontakt zu dem ehemaligen Gefangenen Günther Oehrle aus Sontheim an der Brenz (Baden-Württemberg) bringt den Durchbruch. Günther Oehrle, welcher selbst 3 Jahre Gefangener im Lager Ascha war, konnte anhand der Unterschrift aus der Gefangenenakte Albert Gollers den Lazarettarzt Dr. Kaz und somit das Lazarett und den dazugehörigen Friedhof bestimmen. Günther Oehrle war es auch der neben seinem eigenen Erlebnisberichts, sowie weitere Berichte von ehemaligen Kriegsgefangenen, auch aktuelle Bilder des Grabfeldes übersandte in welchem Albert Goller bestattet wurde.

So hat Werner Goller, nach 64 Jahren zumindest ein Foto des Grabfeldes, in welchem der Mann ruht den er selbst nie hatte kennen lernen dürfen. Ascha besuchen will er aber nicht, er gibt sich mit dem Foto zufrieden.

Für den VKSVG e.V. geht die Arbeit weiter. Noch immer zählen rund 1,3 Millionen Personen als vermisst.

(Von Tobias Unger)


Wir danken der Webseite www.260id.de für die Bereitstellung der Bilder. Auf der Webseite finden Sie weitere Informationen zur Division.


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